Das Nationale Zentrum für Frühe Hilfen (NZFH) widmet sich der Bedeutung von Vätern in der Kinderschutzpraxis. Die Autorinnen erläutern, warum die Einbindung von Vätern wichtig ist, und fassen Erkenntnisse aus Fallanalysen und Studien zusammen. Sie beleuchten Hintergründe für den mangelnden Einbezug von Vätern und formulieren konkrete Empfehlungen für die Fallarbeit.
Positiv ist, dass sich überhaupt jemand mit dem Thema auseinandersetzt. So treffen die Autorinnen eine Vielzahl von Feststellungen, die wir von Äusserungen aus dem Teilnehmerkreis unserer Selbsthilfegruppen und aus der betreuten Fallarbeit kennen.
“Mit diesem rudimentären und defizitorientierten Blickwinkel werden Väter von Fachkräften oft als Bedrohung, als irrelevant oder abwesend wahrgenommen. Dabei gelingt es selbst Vätern, die sich stärker einbringen wollen, nicht immer, diese Zuschreibungen wieder abzuschütteln.“
Allerdings sind die Autorinnen nicht in der Lage diese Erkenntnisse in ihre Arbeit einfliessen zu lassen. So werden Väter/Männer fast auschließlich in den Beispielen als Täter, Gefährder oder Risikofaktoren dargestellt. Gewalttätige Mütter kommen nicht vor. Können doch aber gerade z.B. getrennt lebende Väter eine extrem wichtige Ressource für gewaltbetroffene Kinder sein. Der Vater als Gewaltbetroffener oder das Kind Beschützender kommt nicht oder nur marginal vor.
"Im schlimmsten Fall wird das Kind in der Folge unnötig, beziehungsweise zu wenig vor seinem Vater oder dem Partner seiner Mutter geschützt."
"Hierzu ist es förderlich, wenn die Fachkraft [...] sich für seine Perspektive auf Situationen und Ereignisse interessiert und seine Ansichten ernst nimmt (ohne gleichzeitig Gewalt oder unangemessenes Verhalten zu beschönigen oder zu akzeptieren)."
Schließlich scheint es, als wenn Väter nur unfreiwillig Kontakt zum Jugendamt haben (wen wundert es da):
"- Entwicklung und Bereitstellung von Fortbildungs- und Trainingskonzepten für die Arbeit mit Vätern, beziehungsweise mit unfreiwilligen Klientinnen und Klienten allgemein"
Fazit: Grundsätzlich finden sich einige gute Ansätze, allein scheint sich bei den Autorinnen nach wie vor eine defizitorientierte Sichtweise hartnäckig (wie wohl vermutlich unterbewusst) zu halten. Die Einbindung von Vätern kann mit dieser Haltung nicht gut funktionieren. Es ist an der Zeit, dass man sich in Deutschland gründlicher mit der Lebenswelt von Vätern auseinandersetzt. Ein aspekt davon wäre, solche Publikationen einem Hausfrauentest bzw in diesem Falle einem Vätertest zu unterziehen. Ein anderer wäre, bereits in Forschung und Lehre tatsächlich Geschlechtsneutral zu arbeiten. Solange nur von Tätern und nicht von Täter*innen gesprochen wird, wird sich auch nichts ändern.
